Drei Ärzte und fünf Krankenschwestern in Quarantäne

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Haben Sie bei dieser Schlagzeile drei Männer und fünf Frauen vor Augen?

Dann wissen Sie jetzt, warum ich das generische Maskulinum nicht mag (das ist das Gegenteil von „drei Ärzte/Ärztinnen“) – und warum ich in meinen Übersetzungen kreative Lösungen nutze.

Generisches Maskulinum kurz erklärt

Theoretisch kann man im Deutschen weibliche und männliche Menschen mit einem gemeinsamen Wort bezeichnen. Beispiele dafür sind:

  • „Die Schüler“ soll Schülerinnen und Schüler einschließen.
  • „Drei Ärzte“ kann auch heißen „zwei Ärztinnen und ein Arzt“.
  • „Wissenschaftler haben herausgefunden“ kann sich auf beliebig viele männliche und weibliche (bzw. diverse) wissenschaftlich tätige Menschen beziehen.

Wenn das generische Maskulinum problemlos funktionieren würde, wäre es ja sehr praktisch – so würden nämlich die Texte kürzer. Und da eine Übersetzung fast immer länger wird als der Ausgangstext, müsste ich als Übersetzerin das generische Maskulinum lieben.

Doch es gibt da ein Problem …

Das Problem mit dem generischen Maskulinum

Das generische Maskulinum wird ja vor allem für Berufe verwendet. Doch viele Berufe – vor allem jene mit hohem Status – waren traditionell Männern vorbehalten. Zum Beispiel der Arztberuf. Und deshalb hat man automatisch einen Mann vor Augen, wenn man an den Arztberuf denkt.

Doch heute machen Frauen fast die Hälfte des ärztlichen Personals aus. Bei den Studierenden im Fachbereich Medizin ist das Verhältnis ebenfalls ausgewogen. (Beide Tatsachen wurden vom renommierten Ärzteblatt veröffentlicht.)

Dennoch werden laut Ärzteblatt Ärztinnen schlechter bezahlt und gelangen seltener in Führungspositionen als ihre männlichen Kollegen. Das kann viele (auch freiwillig gewählte) Gründe haben, aber ich finde: Die Sprache darf solche Ungleichheiten nicht noch zementieren.

Deshalb habe ich entschieden, in meinen Texten Männer und Frauen gleichwertig zu behandeln. Doch das ist nicht einfach: Die Texte sollen sich ja trotzdem gut anhören – und korrekt sein müssen sie auch. Wie geht das?

Korrektes Gendern laut Duden

Ausgeschrieben geht immer: „Ärztinnen und Ärzte“ und „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ ist natürlich korrekt. Aber dummerweise machen diese Konstruktionen einen Text schwer und lang.

Daher gibt es viele Versuche, die Sache abzukürzen – die leider oft fehlerhaft sind.

Der Duden erlaubt nämlich genau zwei Schreibweisen, mit denen man männliche und weibliche Form verkürzt darstellen kann:

  1. Wissenschaftler/-in
  2. Wissenschaftler(in)

Inkorrektes Gendern

Diese verkürzte Schreibweise laut Duden funktioniert leider nicht immer, etwa beim Wort „Arzt“: „Ärzt/-innen“ und „Ärzte/-innen“ sind beide grammatisch falsch.

Auch alle anderen Schreibweisen, die man oft sieht, beispielsweise „ÄrztInnen“ oder „Ärzt*innen“, sind nicht zulässig – auch wenn sie praktisch, da kürzer wären.

Kreativität statt generischem Maskulinum

Zum Glück gibt es viele kreative Möglichkeiten, das generische Maskulinum und unschöne Gender-Konstruktionen zu vermeiden.

Hier eine kleine Auswahl:

  • Manchmal hört sich die ausgeschriebene Variante gut an, weil man schon daran gewöhnt ist. Zum Beispiel in der Anrede: „sehr geehrte Damen und Herren“, „liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“, „herzlichen Dank an alle Ärztinnen und Ärzte“.
  • Wenn die Duden-Varianten grammatisch gut funktionieren, setze ich sie gern ein: „die Schüler/-innen“, „die Bewerber(innen)“.
  • Besonders elegant finde ich es, statt der Berufe das Berufsfeld zu nennen: „die Wissenschaft hat herausgefunden“ oder „laut wissenschaftlichen Erkenntnissen“ statt „die Wissenschaftler(innen) fanden heraus“.
  • Hin und wieder passen „Personal“ oder „Belegschaft“ statt der traditionellen Berufsbezeichnung: „Pflegepersonal“, „Reinigungspersonal“, „die Belegschaft des Unternehmens“ (statt „Mitarbeiter/-innen“).
  • Ein ähnlicher Fall ist „Fachleute“ statt „Expertinnen und Experten“.
  • Unter bestimmten Umständen kann man statt der Berufe das Gremium nennen: „das Kollegium“ (statt „die Lehrer/-innen“).
  • Echt generische Begriffe sind ideal: „die Gäste“ oder „die Mitglieder“.
  • Das Partizip Präsens kann sich künstlich anhören, ist aber manchmal schon etabliert und dann sehr praktisch: „die Studierenden“, „die Mitarbeitenden“ (Geschmackssache, ich geb’s zu).

Gendern im Englischen und Französischen

Das Gender-Problem begegnet mir natürlich nicht nur im Deutschen (meiner Zielsprache), sondern auch in meinen Ausgangs- und Arbeitssprachen:

Das Englische ist wesentlich Gender-neutraler als viele andere Sprachen, vor allem bei Berufsbezeichnungen. Umso mehr Verantwortung habe ich als Übersetzerin, wenn ich Berufe aus dem Englischen ins Deutsche übersetze:

Erstens muss ich immer herausfinden, ob es sich um Männer oder um Frauen handelt. Zweitens muss ich bei der Übersetzung ins Deutsche aufpassen, keine beruflichen Stereotype zu bedienen.

Im Französischen ist die Situation ähnlich wie im Deutschen. Es gibt verschiedene Ansätze, männliche und weibliche Formen verkürzt zu kennzeichnen, die ich hier aber nicht genauer beschreibe.

Gendern, bis die Stereotype überwunden sind

Ich habe viele Kunden, die ausdrücklich Gender-neutrale Texte wünschen. Dann tobe ich mich mit meinen oben beschriebenen kreativen Lösungen aus.

Andere Kunden hassen die Schreibung mit Bindestrich oder Klammer. Doch von falschen Schreibweisen rate ich grundsätzlich ab – es gibt immer so pingelige Mitmenschen wie mich, die sich darüber ärgern.

Ich halte es so: Wann immer es geht, verwende ich kreative Lösungen. Wenn das nicht funktioniert, greife ich zur korrekten verkürzten Schreibweise laut Duden oder schreibe aus.

Und meine Hoffnung ist, dass wir irgendwann gar nicht mehr gendern brauchen: weil wir bei „drei Ärzte und fünf Krankenschwestern“ nicht mehr automatisch drei Männer vor Augen haben.