Übersetzungen Passiv

Passive Versuchung

Mit dem Passiv lässt sich sehr bequem übersetzen. Kein Verursacher, keine Verantwortung – kein Problem? […]

Bequeme Übersetzer lieben das Passiv: Dank Passiv müssen sie weder die Handelnden nennen noch ein Verb konjugieren.

Das Problem: Das Passiv wirkt unpersönlich, schwerfällig und bürokratisch. Und wenn mehrere Sätze hintereinander im Passiv stehen, wiederholen sich die Hilfsverben (werden, wird).

Im Folgenden zeige ich, was das Passiv ist, warum faule Übersetzer es lieben, wie es im Text wirkt und wie gute Übersetzer damit umgehen.

Was ist das Passiv?

Das Passiv ist eine sprachliche Handlungsrichtung. Es zeigt an, dass einer Person oder einem Gegenstand eine Handlung widerfährt. Sprich, es handelt jemand anders. Diese/-r andere muss aber nicht genannt werden. Ein Beispiel:

Es wird CO2 freigesetzt.

Da hier der Auslöser (der Mensch) klar ist, könnte man problemlos im Aktiv formulieren:

Die Menschen setzen CO2 frei.

So ist es aber nicht immer. Manchmal weiß man tatsächlich nicht, wer gehandelt hat:

Der Baum wurde gefällt.

Für eine aktive Formulierung ist oft Kreativität, manchmal aber auch Spurenlesen nötig:

Ein Biber hat den Baum gefällt.

Übersetzungen Passiv

Warum lieben faule Übersetzer das Passiv?

Das Passiv kommt im Englischen sehr oft vor. Vielleicht deshalb, weil die englischen Hilfsverben nicht so schwer wirken wie die deutschen. (Im Französischen ist das Passiv seltener.)

Und faule Übersetzer übernehmen eben gern die Strukturen des Ausgangstextes und damit auch das Passiv. Ein Beispiel aus einem Wirtschaftstext:

Public goods are not supplied for free.

Öffentliche Güter werden nicht kostenlos bereitgestellt.

Wie wirkt das Passiv im Text?

Wie ich oben schon schrieb: Das Passiv hört sich unpersönlich, schwerfällig und bürokratisch an.

Wenn mehrere Sätze hintereinander im Passiv stehen, wiederholen sich die Hilfsverben (werden, wird) – und Wiederholungen gelten meist als schlechter Stil.

Außerdem sind passive Sätze oft länger als aktive Sätze: Sie benötigen ein Hilfsverb und das dazugehörige Partizip.

Ein Vorteil von passiven Sätzen ist aber, dass sie Verben nicht auseinanderreißen:

Das Verb wird vom Passiv nicht auseinandergerissen.

Das Passiv reißt das Verb nicht auseinander.

Und wenn viele Informationen zwischen Verb und Vorsilbe stehen, dann kann ein großer Abstand stilistisch stören. Wobei ein guter Übersetzer sowieso darauf achtet, dass die Sätze nicht zu lang werden!

Manchmal ist es auch einfach nur praktisch, den/die Verursacher/-in nicht nennen zu müssen – etwa wenn man den Biber nicht zu unrecht beschuldigen will.

Wie gehen gute Übersetzer mit dem Passiv um?

Wenn ich bei einer Übersetzung über ein Passiv stolpere, ist mein erster Reflex: nach einer eleganteren Lösung suchen. Um beim oben genannten Beispiel zu bleiben:

Public goods are not supplied for free.

Öffentliche Güter werden nicht kostenlos bereitgestellt.

Hier geht es aktiv, kurz und elegant:

Öffentliche Güter stehen nicht kostenlos bereit.

In anderen Fällen (vor allem, wenn das im Englischen inflationär gebrauchte Modalverb can im Spiel ist), klingt eine Konstruktion mit lassen gut – und erspart ebenfalls die Nennung der Verantwortlichen:

Climate change can be stopped.

Faule Übersetzung:

Der Klimawandel kann angehalten werden.

Klassische aktive Übersetzung:

Wir / die Menschen können den Klimawandel anhalten.

Man kann den Klimawandel anhalten.

Mein Vorschlag mit lassen:

Der Klimawandel lässt sich anhalten.

Und wenn diese Möglichkeiten nicht funktionieren? Na dann steht halt mal ein Passiv da. Die stilistische Hauptsache: Es werden nicht zu viele passive Sätze aneinandergereiht – bzw. aktiv formuliert: Hauptsache, es reihen sich nicht zu viele passive Sätze aneinander.

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