Die Grammatik des Klimawandels oder Wenn mich eine Übersetzung von der Arbeit ablenkt

Oft lenken mich Übersetzungen vom Übersetzen ab. Neulich zum Beispiel übersetzte ich einen Text zum Klimawandel, der so interessant war, dass ich völlig abschweifte. […]

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Oft lenken mich Übersetzungen vom Übersetzen ab. Neulich zum Beispiel übersetzte ich einen Text zum Klimawandel, der so interessant war, dass ich völlig abschweifte.

Ist der Klimawandel noch zu stoppen?

Es ging um die Frage, ob man überhaupt noch davon sprechen kann, den Klimawandel zu „stoppen“. Und ob es nicht realistischer ist, den Klimawandel als unvermeidliche Katastrophe zu akzeptieren, die man hoffentlich etwas abschwächen kann und auf die man sich endlich vorbereiten muss.

In diesem Zusammenhang erwähnte der Text das Buch The Uninhabitable Earth von David Wallace-Wells. Ich kam beim Recherchieren für die Übersetzung vom Hundertsten ins Tausendste und kaufte mir das Buch schließlich.

(Darum geht es hier eigentlich nicht, aber mal am Rande angemerkt: Das Buch ist schockierend, fesselnd und für meinen Geschmack etwas zu detaillastig. Insgesamt kann ich es aber empfehlen.)

Gefundenes Fressen für eine Übersetzerin

Und obwohl mich das Buch vom Übersetzen ablenkte, führte es mich auch gleich wieder dazu zurück. Ich stolperte nämlich im Kapital Dying Oceans über eine Stelle, die für mich als Übersetzerin sehr interessant ist. David Wallace-Wells schreibt:

[O]ceans feed us […] The oceans also maintain our planetary seasons […] and modulate the temperature of the planet, absorbing much of the heat of the sun.

Und dann kommt ein Paradebeispiel für die Funktion des englischen Present Perfect, vom Autor metasprachlich auf dem Silbertablett präsentiert:

Perhaps “has fed,” “has maintained,” and “has modulated” are better terms, since global warming threatens to undermine each of those functions.

(Dass sich hier leider eine Ungenauigkeit eingeschlichen hat und es eigentlich “have” heißen müsste, übergehe ich mal diskret.)

Das Present Perfect drückt hier also aus, dass die genannten Funktionen noch im Gange sind, bringt aber die Bedeutung „bis jetzt“ in den Satz hinein.

Im Deutschen würde die wörtliche Übersetzung „haben ernährt“, „haben aufrechterhalten“ und „haben geregelt“ jedenfalls nicht funktionieren. Denn wie ich im Artikel über das Present Perfect beschrieben habe, wäre die Handlung im deutschen Perfekt schon vorbei. Und das ist ja zum Glück noch nicht der Fall!

Ich habe die deutsche Übersetzung des Buchs nicht gelesen, aber ich frage mich, wie der Übersetzer das Problem gelöst hat. Am besten übersetzt man diese Stelle wohl recht frei und schreibt:

Jedenfalls übernehmen die Ozeane diese Funktionen bis jetzt noch – doch der Klimawandel gefährdet jede einzelne von ihnen.

Eine lohnende Ablenkung vom Übersetzen

Ich muss sagen, diese Ablenkung hat sich gelohnt: Ich habe ein inhaltlich interessantes, von einem bekannten Journalisten sehr schön geschriebenes Buch gelesen – das mich sogar zu einem Blogartikel übers Übersetzen inspiriert hat.