Industrialisierung als Kunstfehler

Immer wieder stolpere ich über seltsame „Industrien“. So etwa im Film „Sicko“ von Michael Moore, den ich leider auf Deutsch gesehen habe.

Ständig war hier von der „Gesundheitsindustrie“ statt von der „Gesundheitsbranche“ oder vom „Gesundheitssektor“ die Rede. Und das, obwohl ganz eindeutig gesundheitliche Einrichtungen, nicht jedoch Medizintechnikhersteller gemeint waren.

Dieser Gebrauch des Ausdrucks „Industrie“ lässt sich auf die unbedachte Übersetzung des englischen Begriffs „industry“ zurückführen, der in vielen Fällen ein falscher Freund ist. Bei jedem professionellen Übersetzer läuten die Alarmglocken, wenn er dieses Wort liest.

Nicht immer ist die Entscheidung leicht, ob „industry“ nun als „‑industrie“ oder „‑branche“ bzw. „‑sektor“ übersetzt werden sollte. In einem solchen Fall muss der Übersetzer herausfinden, ob es tatsächlich um eine industrielle Wirtschaftstätigkeit geht oder ob ein Wirtschaftszweig gemeint ist, der nicht ausschließlich aus Industrie besteht.

Interessanterweise wird im Wikipedia-Eintrag zu „Industrie“ sogar die Vermutung geäußert, mit der Übersetzung als „‑industrie“ könne bewusst ein negativer Eindruck beabsichtigt sein. Das wäre auch eine einigermaßen logische Erklärung für die Verwendung von „Gesundheitsindustrie“ bei „Sicko“.

Da dies aber nicht die einzige unglückliche Formulierung in der Synchronisierung war, gehe ich eher davon aus, dass hier an der Übersetzung gespart wurde – wirklich schade, denn das nahm der Dokumentation einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit und Seriosität.