Lange deutsche Wörter – ein Mythos?

Oft beschweren sich Deutschlernende über die angeblich so langen deutschen Wörter. Besonders von englischen Muttersprachlern habe ich diese Beschwerde schon oft gehört.

Und tatsächlich kann man im Deutschen theoretisch lächerlich viele Wörter aneinanderreihen. In der Praxis passiert das aber selten, und vor allem gilt es als schlechter Stil.

Diese Zusammenschreibung gibt es im Englischen nicht. Aber das bedeutet nicht, dass es keine langen Wörter gäbe! Man erkennt sie halt nicht auf den ersten Blick, weil sie Leerzeichen enthalten. Aber kürzer werden sie dadurch nicht.

Vor Kurzem begegnete ich diesem englischen Ungetüm:

geoengineering risk management framework

Die wörtliche Übersetzung würde lauten:

Geoengineeringrisikomanagementrahmenwerk

Doch das wäre auf Deutsch völlig inakzeptabel – gerade weil man solche Ausdrücke zusammenschreiben muss. Also habe ich folgendermaßen übersetzt:

Rahmenwerk für das Risikomanagement im Bereich Geoengineering

Und nun beschwere sich noch jemand über lange deutsche Wörter!

Fehlt da was?

Übersetzung Zielsprache

Beim Übersetzen scheint es manchmal, als „fehle“ in der Zielsprache ein Wort oder ein Ausdruck.

Ein Beispiel ist das französische Wort partiel, etwa in der folgenden Wendung:

la reproduction partielle ou entière

Man könnte in Versuchung geraten, folgendermaßen zu übersetzen:

*die teilweise oder vollständige Vervielfältigung

Aber ein Blick in den Duden zeigt: Teilweise ist kein Adjektiv, sondern ein Adverb. Es gibt auf Deutsch kein Adjektiv mit der Bedeutung von partiel.

Doch wie lässt sich die französische Wendung dann übersetzen?

Nur indem ich die Ausgangssprache hinter mir lasse und im Deutschen nach einer nicht wörtlichen Entsprechung suche. Und siehe da, die gibt es:

Vervielfältigung im Ganzen oder in Teilen

Wieder einmal zeigt sich, dass ein Übersetzer nicht am Ausgangstext kleben darf. Denn oft „fehlt“ die Übersetzung nicht, sondern hat lediglich eine andere Struktur.

Falscher Freund mit neuer Frisur

Falsche Freunde sind für professionelle Übersetzer wie alte Bekannte: Man schüttelt ihnen routiniert die Hand, ohne sie wirklich anzusehen, und weist ihnen ihren Platz zu. Kein Grund zur Aufregung.

Aber manchmal reißt man als Übersetzer doch die Augen auf: Der altbekannte falsche Freund hat eine neue Frisur! Gut, dass man sie bemerkt hat. Das wäre ein schlimmes Fettnäpfchen gewesen!

So erging es mir vor Kurzem mit „eventually“. Dieser falsche Freund bedeutet eben nicht „eventuell“ im Sinne von „vielleicht“. Sondern je nach Kontext „eines Tages“, „irgendwann“, „letztendlich“, …

Der Satz, den ich übersetzen sollte, lautete: „He will eventually become a good friend.“ Übersetzt: „Er wird eines Tages ein guter Freund werden.“

Doch das kam mir spanisch vor – wer kann schon den Verlauf einer Freundschaft vorhersagen?

Und plötzlich bemerkte ich die neue Frisur dieses vertrauten falschen Freundes. Die hatte ihm der deutsche Verfasser des englischen Textes verpasst: „eventually“ sollte hier tatsächlich „eventuell“ heißen.

Also beging ich einen schlimmen Übersetzungsfehler und übersetzte so, dass der Satz die beabsichtigte Bedeutung erhielt: „Er wird eventuell ein guter Freund werden.“

Falscher Freund, willkommen, setz dich. Neue Frisur?

Ich sehe was, was du nicht siehst, …

… und das ist denglisch!

Manchmal versteckt sich das Denglische nämlich sehr gekonnt. Dazu schmeichelt es sich bei der deutschen Grammatik ein und tut ganz harmlos.

Ein Beispiel, dem ich kürzlich in einer Unternehmensbroschüre begegnete:

Unser Unternehmen hat sich auf die Schaffung von Mehrwert fokussiert.

Dieser Satz wirkt auf den ersten Blick unauffällig, aber er enthält gleich zwei Anglizismen.

Erstens ist der Gebrauch von „fokussieren“ in diesem Zusammenhang unüblich – bzw. man findet ihn eigentlich nur in halb garen Übersetzungen.

Zweitens wurde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das englische present perfect („has focused“ oder „has been focusing“) falsch übersetzt: „has focused“ beschreibt eine weiterhin laufende Handlung, „hat fokussiert“ hingegen ist abgeschlossen.

Die richtige Übersetzung würde lauten:

Unser Unternehmen konzentriert sich auf die Schaffung von Mehrwert.

So wird endlich ein deutscher Satz daraus …

Eine englische Unart

Eine Kollegin von mir versah vor Kurzem ein Lektorat mit einer sehr treffenden Anmerkung: „Die Voranstellung des Eigennamens ist eine aus dem Englischen stammende Unart.“

Es ging um eine Datenbank, die mit ihrem Eigennamen bezeichnet wurde. Im Englischen schreibt man dann: „the UNART database“. Es ist verlockend, diese Bezeichnung einfach mit „die UNART-Datenbank“ ins Deutsche zu übersetzen. Korrekt und „deutscher“ ist aber „die Datenbank UNART“.

Falscher Freund im Doppelpack

Heute fiel mir bei einem Lektorat ein heimtückischer falscher Freund auf. Er lauert im Englischen und im Französischen auf den unerfahrenen Übersetzer: „collaboration“.

Zwar gibt es im Deutschen eine genaue Entsprechung („Kollaboration“), doch Achtung: Im Deutschen ist die Bedeutung eine andere als im Englischen und Französischen. „Falscher Freund im Doppelpack“ weiterlesen

Höflichkeit à la française

Ich erkläre es mir mit der französischen Höflichkeit: Im Französischen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die direkte Befehlsform (z. B. „Bitte stehen Sie auf“) zu vermeiden. Etwa mit dem Ausdruck „veuillez vous lever“, wörtlich „möchten Sie aufstehen“.

Im öffentlichen Leben, in Ratgebern und Ähnlichem findet sich oft eine weitere Ausdrucksweise: Die Aufforderung wird in der ich-Form beschrieben.

Im Bus liest man dann: „Ich biete älteren Personen meinen Platz an“ statt „Bitte bieten Sie älteren Personen Ihren Platz an“.

In einem Ratgeber für Diabetiker, den ich kürzlich übersetzt habe, stand: „Je porte une attention particulière à tout changement de mes pieds.“ Wörtlich übersetzt: „Ich achte besonders auf jegliche Veränderung an meinen Füßen.“ Das hört sich auf Deutsch allerdings sehr seltsam an.

Ein erfahrener Übersetzer versteht, was gemeint ist, und schreibt: „Achten Sie besonders darauf, ob Ihre Füße sich verändern.“

Das liebe ich an meinem Beruf

Mit jedem Auftrag lerne ich etwas Neues. So auch bei einer Übersetzung zum Thema Rheuma. Als ich mich in das Fachgebiet einlas, erfuhr ich auf Wikipedia:

Die traditionellen Begriffe Rheuma und Rheumatismus wurden erstmals […] von Guillaume de Baillou […] verwendet. Er glaubte nach der damaligen Lehre der Körpersäfte […], dass kalter Schleim vom Gehirn herab zu den Extremitäten fließe und die entsprechenden Beschwerden auslöse.

Diesmal verzichte ich darauf, ein passendes Foto zu veröffentlichen …